Der Prozeß, den Attentäter durchlaufen – Teil 2

Teil 1 findest du hier

Die Vorbereitungsphase

Die Vorbereitungsphase kann, was die Länge anbelangt, ein weites Spektrum einnehmen.
Sie kann unheimlich kurz sein, so z.B. 2017 in London auf der Westminster Bridge, als der Attentäter sich nur eine große Menge Menschen suchen mußte, in die er mit seinem LWK hineinfuhr, oder sie kann länger dauern, da Utensilien, Orte etc präpariert werden oder besorgt werden müssen.

Attentate mit Autos o.ä. sind aber wesentlich schneller vorzubereiten, da der Attentäter nur ein Vehikel besorgen muß und dann an einem beliebigen Ort voller Menschen zuschlagen kann.

Schulmassaker/-amokläufe sind in der Vorbereitungsphase wesentlich umfangreicher. Der zukünftige Täter muß sich bewaffnen. Er muß sich seinen Weg durch das Gebäude genau überlegen, auch hinsichtlich seines vielleicht Hauptziels. Auch sind Fluchtrouten in diesen Überlegungsprozeß eingeplant.

In den USA hat der US Secret Service Report 2014 herausgearbeitet, daß das Verhalten bei 93% aller Schul-Amokläufer vor ihren Attentaten innerhalb der Schule für „besorgniserregend“ gehalten wurde.

81% der Freunde/Verwandten/Bekannten der Amokläufer hatten im Vorfeld Kenntnisse von den Taten.

Bei den meisten Massentötungen gab es mindestens immer eine Person, die Kenntnisse von den Plänen hatte. Dasselbe gilt übrigens auch für Terrorattentate und Attentaten am Arbeitsplatz.

Irgendwie scheint der Täter über seine bevorstehende Tat reden zu wollen. Über das Warum kann nur spekuliert werden. Mit einbezogen muß aber die Tatsache, daß auch Täter einige Menschen von der bevorstehenden Tat ausnehmen wollen und sie beispielsweise warnen, an einem bestimmten Tag und/oder Uhrzeit wegzubleiben. So geschehen ins Roswell im Januar 2014, als ein 12-jähriger seine Familie und Freunde mitgeteilt hatte an diesem Tag der Schule fernzubleiben.

1986 warnte Pat Sherril eine Kollegin am nächsten Tag von der Arbeit fernzubleiben. Der Grund war, daß die Frau einfach nur nett zu ihm gewesen war.

Am nächsten Tag eröffnete Pat das Feuer in dem Post-Amt, in dem er arbeitete und erschoß 14 Kollegen.

Planen, jemanden zu töten Teil 2 - Über den prozeß, den Attentäter durchlaufen

Die Annäherungsphase

Wenn der Täter alles fertig vorbereitet hat, also sich bewaffnet hat, Bomben gebastelt, Routen ausgetüftelt, sich ein Hotelzimmer gemietet hat, Freunden etc. davon berichtet bzw. sie gewarnt hat, ist es an der Zeit den Plan in die Tat umzusetzen. Diese letzte Phase vor der Ausübung nennt man Annäherungsphase.
Hier ist die letzte Chance, daß der Täter doch noch kalte Füße bekommt und sein Vorhaben abbricht. Allerdings ist diese Chance sehr gering, da der Täter schon soviel in seinen Plan investiert hat, mental, emotional und auch physisch.

Die Annäherungsphase dient oftmals der Ablenkung vom eigentlichen Hauptziel. Hier werden z.B. Explosionen erzeugt, die in einem anderen Teil der Stadt sind, um alle Einsatzkräfte weg vom eigentlichen Ziel zu bringen.

Auch werden genau vor der Ausübung soziale Medien genutzt und ein Live-Stream aktiviert, da Täter oftmals damit rechnen, die Ausübungsphase nicht zu überleben und der Nachwelt ihre Botschaft hinterlassen wollen. Es kann auch sein, daß unmittelbar vor dem Attentat der Täter noch Informationen an die Printmedien verschickt und wortwörtlich zur Post geht, um das Paket oder den Brief aufzugeben.

Die Ausübungsphase

Der Übergang von der Annäherungsphase in die Ausübungsphase geschieht dann sehr fließend und schnell. Sobald der Täter am Zielort ist, schlägt er zu.

Hier beginnt dann der eigentliche Überlebenskampf der Ziele, also der Menschen, die in diese Gewalteskalation hineingezogen werden.

Es gibt viele Menschen, die solche Attentate überlebt haben. Und zwar nicht aus glücklichen Umständen, sondern weil sie instinktiv gehandelt haben. Diese Handlungen sind niemals komplex und filigran, sondern eher grundlegender Natur.

So haben beispielsweise sechs Kinder das Sandy Hooks Massaker überlebt, weil sie gehört haben, daß der Täter seine Waffe nachladen mußte. Sie haben die Feuerpause genutzt, um zu entkommen.

An der Virginia Tech Universität haben Studenten von innen einen Schreibtisch vor die Tür gedrückt und so verhindert, daß der Attentäter in den Raum gehen konnte.

Die Lösungen müssen nicht immer ausgeklügelt und durchdacht sein. So hat ein Mitarbeiter an der Sandy Hooks andere beispielsweise durch laute Rufe gewarnt, daß ein Attentäter im Haus sei, was zur Evakurierung führen konnte. Viele Menschen wurde dadurch gerettet.

Es ist nicht immer ratsam einen Attentäter anzugreifen und ihn zu entwaffnen. Im Krav Maga lernen wir zwar solche Dinge, aber es spielen wichtigere Aspekte mit herein, als sich heldenhaft dem Attentäter zu stellen.

Es geht um das Retten von Leben. Hierfür ist v.a. die Vorbereitung der Institute, also Schülern, Studenten, Lehrer etc, zu nennen. Es müssen Pläne, Fluchtrouten, Verstecke, Verhaltensmassnahmen bereitsgestellt sein, um für den Fall der Fälle einigermassen vorbereitet zu sein. Während der Ausübungsphase herrschen dann nämlich eigene Gesetze, die es dann zu meistern gilt.

Ob man alle Attentate verhindern kann, indem man umsichtiger mit seinem Umfeld ist, wage ich zu bezweifeln. Wichtig ist jedoch, daß Informationen über eine bevorstehende Tat, die man von zukünftigen Täter erhalten hat, sofort weitergibt.

Der gesamte Prozeß, den der Täter durchläuft, könnte wahrscheinlich in vielen Stadien gestoppt werden. Ganz sicher aber, sollte sich der Täter jemanden anvertrauen und über seinen Plan sprechen.

Jörg Siegwarth

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