Wenn ich mir einige Krav Maga Videos auf YouTube ansehe und das ist ja für viele die erste Wahl, wenn es um bewegte Bilder geht, dann sieht man immer Menschen mit Helmen und Tiefschutz, die laut schreiend aufeinander losgehen.

Das war auch mein erster Eindruck, als ich damals etwas suchte, um mich selbst verteidigen zu können. Ehrlich gesagt, hat mir das damals auch Angst gemacht.

Ich bin kein Mensch, der gerne auf andere einschlägt. Auch nicht in sportlicher Absicht.

Es bereitet mir kein Vergnügen. Ausserdem lebe ich gerne schmerzfrei. Tatsächlich.

Ich meine, wer hat schon gerne Schmerzen?

Ich habe mich dann trotz allem für Krav Maga entschieden.

Meine erste Stunde war auch nicht so wild. Es war sehr techniklastig und irgendwie fand ich daß auch spannend. Und so lange ich weitgehend schmerzfrei blieb, war auch alles okay.

Krav Maga und Schmerzen

Bevor ich jetzt weiterschreibe, lasst mich noch einmal kurz darstellen, was ich unter schmerzfrei verstehe.

Natürlich kann ich Schmerzen ertrage, und ich jammere wenig rum. Ich liebe es mich zu fordern, was auch Schmerzen hervorrufen kann. Damit habe ich kein Problem.

Aber ich lasse mir ungern in die Eier treten. Auch nicht mit Tiefschutz.

Ich liege auch ungern auf dem Rücken, während jemand auf meiner Brust sitzt und auf mich einschlägt. Auch wenn ich einen Helm trage. Das ist uncool.

Krav Maga Training und die Realität

Jetzt werden einige sagen, daß daß aber auch die Realität sein kann. Und das dann ohne Helm oder Tiefschutz.

Ja, daß ist richtig.
Aber muß ich so eine Situation auch im Vorfeld erfahren? Im Training?

Für all diejenigen, die jetzt laut JA! schreien, habe ich den Rat a) hier aufzuhören mit dem Lesen und b) niemals zu mir in den Unterricht zu kommen.

Das meine ich nicht böse. Es ist nur nicht meine Auffassung, so Selbstverteidigung zu unterrichten.

Ich habe in meinem Training noch nie jemanden geschlagen.

Und ich werde es auch nicht.

Ich habe es selbst erlebt, wie man aus Demonstrationszwecken furchtbare Schläge kassiert hat (die auf dem Rücken liegen Geschichte). Im Training. Ich hatte noch 2 Tage später Kopfschmerzen.
Die Erfahrung, die ich aus der Sache mitnahm war, daß, wenn du mit einem erfahrenen Schläger zu tun hast, der schon soweit ist, daß Du am Boden liegst, keine Chance mehr hast.
Der Verstand macht einfach zu. Ich habe damals nur noch versucht mich z schützen. Ich hatte keinerlei Gedanken mehr. Fausthiebe prasselten auf meinen Kopf nieder. Ich war wehrlos geworden. Keine Chance irgendetwas zu tun. Ich war darauf nicht vorbereitet und mein Verstand sagte nur noch Schütz Dich! und nicht mehr Wehr Dich. Und das ist vollkommen normal.

Soweit darf es aber gar nicht kommen.
Dafür lernen wir Krav Maga.

Und ja, ich konnte damit umgehen, ansonsten wäre ich wahrscheinlich nie wieder gekommen. Aber das bin ich.

Andere wären nie wieder gekommen. Und das darf nicht sein.

Was ist die Aufgabe eines Lehrers?

Was ist meine Aufgabe als Lehrer?

Muß ich meine Macht demonstrieren? Muß ich mein Können zur Schau stellen? Bin ich der Silberrücken im Dojo?

Gewalt und Aggression sind Dinge, die in der Welt existieren und die uns auch in der Menschheitsgeschichte sogar vorangebracht hat, aber sie sind auch beängstigend.

Jemand, der Selbstverteidigung lernen möchte, kommt aus einem einzigen Grund: er möchte keine Gewalt (mehr) erfahren. Er möchte in Ruhe gelassen werden. Er hat Angst vor Gewalt. Und er ist es leid Aggressionen zu ertragen. Er braucht dabei Unterstützung.

Er möchte nicht demonstriert bekommen, was es heißt, Gewalt zu erfahren. Das weiß er schon. Er hat nämlich höllisch Schiss davor.

Und Angst vor Gewalt zu haben, ist per se gut und richtig.

Was ist also nun, die Aufgabe eines Lehrers?

Ich sehe meine Aufgabe als Lehrer für Krav Maga darin, meine Schüler mental an das Verständnis und den Umgang mit Gewalt heranzuführen. Sie müssen lernen sich mit ihrer Angst auseinandersetzen.

Das geht fast nur über das Körperliche.

JA! MOMENT! Und dafür muß man doch ballern! Rufen jetzt einige.

Ne, muß man nicht.

Krav Maga ist ein Selbstverteidigungssystem. Es ist kein Angriffsport.

Es ist auch kein Sport.

Es geht darum, sich darauf vorzubereiten, daß man überleben kann. Es geht tiefer als jede Kampfsportart.

Dafür muß man sich auch mental mit seinem Ich auseinandersetzen.

Beim Kampfsport gibt es Regeln. Wenn jemand Stop! ruft, ist es vorbei. Es gibt Techniken, die jeder kennt und für die es Abwehrtechniken gibt.

Die Techniken sind ein offenes Buch für Kampfsportler. Sie können einen Kampf von außen betrachten und erkennen, welche Technik, den Sieger zu Sieger gemacht hat.

Krav Maga ist kein Sport

Es gibt kein Stop! in der Realität. Es gibt auch keine Regeln.

Und ich messe mich auch nicht mit jemanden.

Ich überlebe.

Das mag übertrieben klingen, aber es läuft darauf hinaus.

Selbstverteidigung bedeutet nicht, daß ich mich sofort auf meinen Gegner schmeiße und ihm sonst was herausprügel.

Es gibt noch so viele Möglichkeiten, eine körperliche Auseinandersetzung zu vermeiden.

Ja, Krav Maga ist auch körperlich. Wir lernen Menschen auch weh zu tun. Aber auch nur so, daß wir uns aus der Situation befreien können. Nicht um, den anderen zu vernichten.

Im Training lernen wir, Respekt vor der Gewalt zu haben ohne daß sie uns dominiert.

Wir lernen unsere Angst willkommen zu heißen, ohne das sie uns dominiert.

Wir lernen uns in schwierigen Situationen zu bewegen, ohne daß sie uns von ihr ummanteln zu lassen.

Wir lernen Grenzen zu setzen und zu verteidigen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden und unsere Familien sollen auch in Ruhe gelassen werden.

Wir wollen nur leben. Das ist unser Recht und dafür kämpfen wir auf allen Ebenen.

Krav Maga

Krav Maga als Badass Sport?

Krav Maga ist soviel mehr, als bloßes aufeinander einschlagen. Es muß weg von diesem Image.

Krav Maga ist eine Philosophie des Lebens. Sie ist wunderschön und trotzdem dunkel. Sie ist menschlich.

Um Selbstverteidigung zu lernen braucht es keine Gewalt. Man muß sich aber mit ihr auseinander setzen.

Und ja, man kann sich im Training weh tun, natürlich. Aber wir gehen stets respektvoll miteinander um.

Wir lernen Techniken, die effektiv und schnell sind. Sie sind das Handwerkszeug unserer Verteidigung. Techniken geben uns die Basis für einen besseren Umgang mit unserer Einstellung und dem Umgang mit unserer Angst.

Technik ist aber nicht alles.

Ein Krav Maga Lehrer muß diesen Prozeß beiwohnen. Er muß die Ideale leiten und Optionen und Möglichkeiten aufweisen.

Ein Krav Maga Lehrer muß die Möglichkeiten seiner Schüler individuell erkennen und annehmen. Er muß seinem Schüler individuell zeigen, wie man diese Möglichkeiten nutzen kann.

Er muß Bedürfnisse und Ängste erkennen und mit ihnen arbeiten. Er darf sie nicht ausnutzen.

Und ein Krav Maga Lehrer darf keine Angst vor eigenen Fehler haben.

Krav Maga ist eines der Geschenke an die Menschheit, wenn man so will. Es ist aus tiefster Not, Angst und Wut heraus geboren worden.

Krav Maga ist kein Badass Sport.

Krav Maga kann Dich schützen, wenn Du es verstehst.

Wenn Du Krav Maga bei mir lernen möchtest und noch weitere Informationen brauchst, dann gehe zur Krav Maga Sektion hier auf meiner Website.

Du findest auch Informationen zu IKI Krav Maga auf der offiziellen Webseite (in Englisch)

Autorenprofil

Ich bin zertifizierter Personal Trainer, Athletiktrainer und Krav Maga Instructor. Ich arbeite mit und schreibe über Kettlebells und deren Nutzen und Training. Ich bin ein eingefleischter Verfechter von Training mit einem Ziel. Ich kann Ihnen helfen mit Hilfe von Kettlebelltraining stärker, fitter und schlanker zu werden. Ihre Kondition wird sich verbessern und die Zivilisationskrankheiten können effektiv angegangen werden. Hier schreibe ich über mein Training, meine Erfahrungen und meine Meinung zum Thema Kettlebells.

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